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18.04.2017 09:51 Alter: 67 Tage

Nach der Flucht den Anschluss finden

Bericht von Anne Passow, NDR (gekürzt)


Mehr Männer als Frauen in Jobs

Nur wenige Frauen, die mit der großen Flüchtlingswelle gekommen sind schaffen den Sprung in den Arbeitsmarkt. Rund 15.200 Frauen - und knapp doppelt so viele Männer (rund 29.800) - kamen laut Innenministerium 2015/2016 als Asylsuchende nach Schleswig-Holstein. Nur rund 170 Frauen aus den acht hauptsächlichen Fluchtländern konnte die Bundesagentur für Arbeit in diesem Zeitraum in Arbeit vermitteln. Die Zahl der vermittelten Männer ist mit 1.440 etwa acht Mal höher.

Nur etwa ein Drittel mit Abschluss

Viele der geflüchteten Frauen, die nach Schleswig-Holstein kommen, haben schlechte Chancen auf einen Job, weil sie keine abgeschlossene Ausbildung haben. "Es gibt viele Frauen, die einige Jahre in der Schule waren, die dann früh Kinder bekommen haben und zuhause geblieben sind", sagt Arne Krasemann vom Jobcenter Kiel. Tatsächlich konnten laut der Bundesagentur für Arbeit im Februar 2017 nur etwa ein Drittel der in Schleswig-Holstein als arbeitslos gemeldeten geflüchteten Frauen überhaupt einen Abschluss vorweisen.

Zukunft als Industrieelektrikerin

Helwa Osko kann einen Abschluss vorweisen. Die Syrerin ist Elektroingenieurin. Als der Krieg kam, flüchtete erst ihr Mann aus Qamischli im Norden Syriens nach Schleswig-Holstein. Vor zweieinhalb Jahren kam Helwa mit den drei Kindern nach. Sie wollte schnell wieder arbeiten. "Das wichtigste war, erstmal Deutsch zu lernen", sagt sie. Zügig machte sie diverse Deutschzertifikate. Nun ist sie kurz davor, im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Seit letztem April macht Helwa Osko bei der Technischen Akademie Nord eine Umschulung zur Industrieelektrikerin. In der Ausbildungswerkstatt in Kiel sitzt die 39-Jährige vor einem Schaltkreis, legt verschiedene Schalter um und erklärt: Der Schaltkreis simuliert eine Tür vor einer Sandstrahlanlage, die nur dann eingeschaltet werden kann, wenn die Tür geschlossen ist.

Deutscher Arbeitsmarkt ist Neuland

Helwa Osko ist eine der geflüchteten Frauen, die erst mal eine Umschulung oder Ausbildung machen, um in den Arbeitsmarkt zu kommen. Rund 3.700 Frauen haben laut der Bundesagentur für Arbeit in den vergangenen zwei Jahren an Qualifizierungsmaßnahmen teilgenommen - im Vergleich dazu waren es in diesem Zeitraum rund 13.000 Männer. Denn auch für ausgebildete Frauen sei es schwierig, im deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, sagt Edibe O?uz vom IQ Netzwerk in Kiel, das Geflüchteten bei der Berufsorientierung hilft. "Vielen Frauen fehlen ihre Unterlagen über die Abschlüsse in ihrem Herkunftsland. Wenn die dann mit Mitte 30 hören, sie müssten nochmal ein paar Jahre studieren, entmutigt das viele", sagt sie. Und selbst mit Unterlagen werden viele ausländische Berufsabschlüsse nicht anerkannt. "Wir haben zum Beispiel viele Lehrerinnen, bei denen das der Fall ist", sagt O?uz. Außerdem konkurrieren die Flüchtlinge mit den deutschen Arbeitnehmern, die das System hierzulande kennen.

Elf Stunden pro Tag unterwegs

Helwa Osko, inzwischen anerkannter Flüchtling, hat diese Hürden gemeistert. "Die ersten Wochen hier waren sehr schwer für mich, weil ich nicht so gut deutsch konnte. Ich hatte Angst vor den fremden Leuten. Aber es gab zwei deutsche Kollegen, die haben mich sehr unterstützt", erinnert sie sich. Außerdem hält ihr Mann ihr den Rücken frei, damit sie ihre Umschulung abschließen kann. "Ohne ihn könnte ich das nicht machen", betont Helwa. Im August wird sie fertig und will dann arbeiten - möglichst  in Teilzeit, um ihren Mann zu unterstützen, der ab Mai eine Umschulung macht. Außerdem sind da ja noch ihre Kinder. Im Moment ist die Syrerin mit Hin- und Rückfahrt täglich elf Stunden von ihrem Zuhause in Kiel-Mettenhof weg.

Kinderbetreuung und niedrigschwellige Ausbildungen

Auch für andere Frauen stellen die Themen Familie und Kinder eine Hürde auf dem Weg in den Beruf dar. "Das fängt schon bei den Integrationskursen an. In Schleswig-Holstein bieten die keine Kinderbetreuung an. Da bleiben viele Frauen weg, die auf ihre kleinen Kinder aufpassen müssen", betont Edibe O?uz om IQ Netzwerk in Kiel. Neben Kinderbetreuungsangeboten in Integrationskursen plädiert die Berufsberaterin für niedrigschwellige Ausbildungen für die Frauen. Das gibt es bereits im Pflegebereich. "Etwas Ähnliches könnte man auch in der Pädagogik einführen", schlägt Edibe O?uz mit Blick auf die geflüchteten Lehrerinnen vor. "Dann haben diese Frauen viel schneller einen Zugang zum Job. Und wenn ihre Kinder alt genug sind, können sie überlegen, ob sie sich berufsbegleitend weiterbilden wollen."


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